Magersucht ist eine Krankheit – aber die Pro-Ana-Bewegung sieht das anders. Frederik denkt über die Gefahren dieses Trends nach.
Das Internet, unendliche Weiten. Ich finde es immer wieder faszinierend, was für Absurditäten man im Netz findet. Das reicht von den Menschen, die ihre Katzen dazu erziehen, auf ein Menschenklo zu gehen bis hin zu denen, die Sex mit Möbeln haben. Neben diesen harmlosen Spleens gibt es dann aber auch die dunkle Seite des Webs. Das Kannibalenforum, in dem Armin Meiwes sein späteres Opfer Bernd Brandes traf. Sogenannte Bareback-Seiten, auf denen sich Menschen zum ungeschützten Sex verabreden und dabei bewusst das Risiko einer HIV-Infektion in Kauf nehmen. Und dann gibt es da noch Pro Ana. Hinter diesem unscheinbaren, positiv klingenden Namen verbergen sich Frauen und Männer, die ein neues, extremes Schönheitsideal proklamieren: Kein Gramm Fett darf am Körper sein, einen zu dünnen Menschen gibt es nicht. Das "Ana" in Pro-Ana steht für Anorexia nervosa, also Magersucht. Analog gibt es Pro-Mia-Seiten, wobei "Mia" für die Ess-Brechsucht Bulimia nervosa steht. Wichtigstes Merkmal dieser Bewegungen ist die Verherrlichung von Magersucht und Bulimie. Während diese in unserer Gesellschaft als Krankheiten gelten, behaupten die Pro-Anas und Pro-Mias, dass sie einfach alternative Lebensmodelle darstellen. Auf ihren Websites und in ihren Foren erhalten Gleichgesinnte Tipps: Wie man es schafft, das Essen am besten komplett einzustellen. Wie man dafür sorgt, dass niemand anderes bemerkt, dass man sich mehrmals täglich nach dem Essen übergibt. Wie man seine Zähne am besten pflegt, die stark unter dem täglichen Kontakt mit der aggressiven Magensäure leiden. Die Pro-Anas und -Mias bestärken sich in den Foren auch gegenseitig in ihrem Wahn. Mit Sprüchen wie "Better dead than fat" (lieber tot als fett sein) zeigen sie, wie wenig ihnen ein Menschenleben wert ist. Es wird über die "fetten Säue" mit Kleidergröße 34 gelästert – das erklärte Ziel vieler ist es, die Klamotten von 12-Jährigen tragen zu können. Es ist davon auszugehen, dass jungen Menschen durch Pro-Ana- und Pro-Mia-Websites der Weg in Magersucht und Bulimie erleichtert wird. Während sie früher noch im mühevollen Selbsttest herausfinden mussten, wie sie sich am besten der gerade eingenommenen Nahrung entledigen können, reichen heute ein paar Klicks und man kann auf das gesammelte Hunger- und Kotzwissen von tausenden Gleichgesinnten zurückgreifen. Das Problem bei Pro-Ana, bei Bernd Brandes und den Barebackern ist immer das gleiche: Hat nicht jeder Mensch das Recht, mit seinem Körper anzustellen, was er will? Sollen sich Staat und Gesellschaft in solch private Dinge wie Sexualität und Essverhalten einmischen, wenn man niemandem damit schadet – außer sich selbst? Soll nicht jeder für sich entscheiden, ob er das HI-Virus empfangen möchte, ob er sich von einem anderen Menschen essen lassen oder zu Tode hungern möchte? Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, über das Ende seines Lebens selbst zu entscheiden. Trotzdem muss man suizidale Menschen – und nichts anderes sind Pro-Anas in meinen Augen – in den allermeisten Fällen aufhalten. Wer wegsieht und den Menschen nicht beachtet, der dort auf dem Fenstersims steht und sich das Leben nehmen will, macht sich mitschuldig an dessen Tod. Denn meist handelt es sich dabei nicht um jemanden mit unerträglichen Schmerzen, die durch eine unheilbare Krankheit verursacht werden, sondern um einen Menschen mit lösbaren Problemen. Ein Mensch, der nach ein paar Wochen dankbar sein wird, dass man zu ihm auf den Sims gekrochen ist und ihn vor dem Springen bewahrt hat. Und der durch die Lösung seiner Probleme, vielleicht auch durch Medikamente und Therapie, bald wieder ein Leben führen kann, das ihm lebenswert erscheint.
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