Donnerstag, 6. Mai 2010

Du sollst immer auf den Bart achten, den Du trägst

Diesmal philosophiert Frederik über das Thema Bärte und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen.

Bärte – schon immer übten sie eine sonderbare Faszination auf mich aus. Wie Sie vielleicht schon auf meinem Bild gesehen haben, gehöre ich momentan nicht zur Fraktion der Bartträger. Doch auf theoretischer Ebene beschäftige ich mich sehr gerne mit diesem interessanten Thema. Was bringt einen Mann dazu, plötzlich einzelne Stellen seines Gesichts beim Rasieren auszulassen oder das Rasiermesser gar komplett im Schrank zu lassen, um sich der Gruppe der Vollbartträger anzuschließen? Ich habe da meine ganz eigene Theorie: Männer tragen keine Bärte, weil sie diese schön finden. Sie wollen damit etwas ausdrücken. Mehr noch als mit unserer Kleidung, unserer Körpersprache oder unserer Frisur geben wir mit unseren Bärten ein Statement ab: Darüber, wie wir uns sehen und wie wir von der Welt gesehen werden wollen. Klassisch das Beispiel des ersten Flaums: Eine nicht geringe Zahl von Heranwachsenden lässt die ersten weichen Härchen über ihrer Oberlippe stehen. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie noch nicht wissen, wie man sich rasiert. Vielmehr wollen sie der Welt zeigen: "Seht her, Haare im Gesicht. Bald habe ich Geschlechtsverkehr." Oder der ungestutzte Vollbart, der hauptsächlich unter Theologiestudenten und Marx-Anhängern anzutreffen ist. Diese wollen mit ihrem wallenden, ungepflegt wirkenden Bart zeigen, wie egal ihnen doch die Mode und das Schönheitsdiktat unserer Gesellschaft sind. Der Dreitagebart entlarvt den Möchtegern-Draufgänger, der Ziegenbart den hängengebliebenen Technofreak. Doch manchmal ist die Einschätzung eines Bartträgers nicht so einfach wie in diesen Fällen. Manche Bartformen sind nämlich stärker als andere gewissen Moden unterworfen. Nehmen wir als Beispiel den Schnurrbart. In den 80er-Jahren dank Schnörres-Ikonen wie Tom Selleck oder Burt Reynolds ein Muss für jeden über 18, war er etwa ab Beginn der 90er ein absolutes Tabu. Wer sich zu dieser Zeit mit einer Rotzbremse (so nennen manche Spaßvögel diese Art von Bart) in eine angesagte Berliner oder Hamburger Kneipe wagte, hätte auch gleich seine Unterhose auf dem Kopf tragen können. Der Schnurrbart war ein k.o.-Kriterium, eine einfache Möglichkeit, zivilisierte von unzivilisierten Menschen zu unterscheiden. Das ist anders geworden. Seit einiger Zeit kann man Bärte nämlich auch "ironisch" tragen. Damit ist gemeint, dass jemand einen Tabubruch in Bartform begeht – etwa durch das Tragen eines wuchernden, Günter Grass alle Ehre machenden Schnäuzers –, das aber "mit einem Augenzwinkern". Der ironische Bartträger ist sich darüber bewusst, dass sein Bart eine Beleidigung des aktuellen Mode- und Stilempfindens darstellt und drückt mit den Haaren unter seiner Nase aus: "Ich bin so cool, dass ich sogar einen solchen Bart tragen kann, ohne mich lächerlich zu machen." In den USA sorgte der "Jackass"-Moderator Johnny Knoxville für Aufsehen, als er zu einer Preisverleihung des Senders MTV mit einem Hufeisen-Bart erschien. Dies ist eine besonders scheußliche Bartkreation, die durch den Metallica-Sänger James Hetfield zu trauriger Berühmtheit gelangte: Ein Schnurrbart plus vertikale Bartstreifen neben dem Mund bis zum Kinn. Knoxvilles Karriere nahm durch den Bart keinen Schaden – aber wohl nur, weil das Ganze nicht ernst gemeint war. Hoffen wir, dass uns der Anblick von ironischen Hitlerbärten erspart bleibt. Das rechteckige Mini-Bärtchen ist wohl die letzte Art von Gesichtsbehaarung, mit der man noch provozieren kann. Es sieht nicht nur bescheuert aus, sondern bringt seinen Träger wahrscheinlich innerhalb kürzester Zeit in körperliche Auseinandersetzungen mit Menschen, die das mit dem Bart gar nicht so witzig finden. Und das zu Recht.