Dienstag, 9. Februar 2010

Fasching und Rosenmontag – ohne mich!


Am Montag ist Rosenmontag, aber: Mia hasst Fasching. Und träumt doch heimlich oft davon, Biene Maja zu sein.

Räuberbraut, Indianerhäuptling, Clown, Prinzessin… Nein, halt. Das ist doch die böse Königin, Schneewittchens Stiefmutter. Die alten Schwarzweißfotos sind der Beweis: Ich habe als Kind mitgemacht. Leider erinnere ich mich weder daran, wie ich mich in den Kostümen gefühlt habe, noch an die zugehörigen Feiern. Schade. Mama meinte auf meine prompte telefonische Nachfrage, dass ich dabei immer viel Spaß am Rosenmontag & Co. gehabt hätte. ...so sind sie, unsere Mütter!

Rosenmontag - Büttenreden bleibt mir vom Ohr!

Heute, gut zwanzig Jahre später, bekomme ich schon Gänsehaut, wenn ich nur daran denke, dass die Narren in diesen Tagen ihre sogenannte Fünfte Jahreszeit feiern. Und total schlecht wird mir, wenn mir aus dem Fernseher fröhliche Büttenreden ins Ohr gebrüllt werden, weil ja senderübergreifend Narrenfreiheit herrscht. Nichts für ungut, liebe Narren – feiert, wie und wann und wo Ihr wollt und gerne auch mit wem Ihr wollt. Aber bitte feiert ohne mich! Verschont mich mit Eurer Ausgelassenheit! Ich hasse Fasching!

Fasching - manche mögen ihn anscheinend?

Paul dagegen liebt das merkwürdige Gebaren der Narren. Er nennt den Faschings-Brauch Faslam, denn so heißt das im Süden – also direkt unterhalb der Elbe, habe ich mir von ihm sagen lassen. Paul nimmt in diesen Tagen fast jede Party mit. Und wenn Sie jetzt denken, er steigt in ein weißes Rüschenhemd wie Johnny Depp alias Piratenkapitän Jack Sparrow oder behängt sich wie Julius Cäsar mit einem weißen Laken, dann liegen Sie falsch! Obwohl Paul in beiden Kostümen sehr gut aussähe, keine Frage! Oder besser: Sie liegen mit Ihrer Vermutung ganz knapp daneben, denn Weiß ist Pauls Kleidung schon. Paul geht zu jeder Veranstaltung als er selbst – als Medizinmann. Also er trägt seine weiße Dienstkleidung, in der ich ihn auch aus der Eppendorfer Uni-Klinik kenne. Zu seinem Glück ist Paul im Dienst – freiwillig und ohne Lohn für seine medizinische Hilfe zu empfangen. Andernfalls würde ich ihm diese in meinen Augen kulturelle Entgleisung nur schwer verzeihen können. Da Paul in meinem Dunstkreis der einzige Faschingsgänger ist, frage ich ihn – aus rein beruflichem Interesse, schließlich muss man ja wissen, was in der Szene so an Farben geschminkt und an Stoffen getragen wird – nach Strich und Faden aus.

Fasching und Rosenmontag an der Elbe

Wenn Paul auspackt – gibt es kein Halten mehr. Er hat trotz Notdienst so einen herrlichen Blick fürs modische Detail, den ich sonst nur von meinen Freundinnen Georg und Franzl kenne. Und die beiden sind vom Fach. Sie sind Designer – und hassen Fasching wie ich. Ich jedenfalls lache Tränen und amüsiere mich prächtig, wenn Paul von Faschingsgetümmel und Faschingsfummel in Hamburg berichtet. Wie praktisch – ich muss zu keiner einzigen Narrenfeier, weiß aber trotzdem Bescheid über die Trends der Faschingsmode. Dank Paul. Man möge mir bitte verzeihen, wenn ich beim Thema Fasching mit Informanten arbeite. Naja, und bei Tageslicht gucke ich mir die Kostüme in Hamburgs ganzjährig geöffnetem Faschingskostümladen FahnenFleck ja auch selbst noch an. Das ist ganz praktisch, denn schließlich ist der Laden in Hamburgs edler Straße Neuer Wall zu finden, wo auch Modelabels wie Jil Sander und Louis Vuitton ansässig sind. Sie fragen jetzt vielleicht: Wer ist Paul? Nun, das ist schnell gesagt: Paul schläft mit Martha, die von der siebten bis zur zwölften Klasse neben mir die Schulbank drückte und heute noch eine enge Lebensgefährtin von mir ist. Paul ist Marthas Mann. Übrigens, Hamburger Jungs un Deerns sind auch in diesem Jahr in klassischen Kostümen wie Seemann und Hexe, Pirat und Katze unterwegs, wenn kein spezielles Faschingsthema vorgegeben ist. Ebenfalls ganz oben auf der Beliebtheitsskala der hanseatischen Närrinen: Pippi Langstrumpf, die Rote Zora und Biene Maja.

Maja möchte gerne die Biene Maja sein - nicht nur zur Faschingszeit

Natürlich wäre ich manchmal auch gerne Biene Maja. Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen: Ja, ganz besonders gerne wäre ich die kleine freche schlaue Biene Maja. Aber das behalte ich schön für mich! Schließlich spiele ich diese Rolle meist im Notfall: Zum Beispiel heute Nachmittag, als ich dieser ach-so-entspannten Chefredakteurin einer Wellness-Zeitschrift gegenüber saß – da bin ich dann plötzlich auch mal Biene Maja, die summend und brummend über dem Kopf der Frau auf und ab fliegt und nach langweiligen 47 Minuten Vorrede seitens der elegant gekleideten und dezent geschminkten Frau gar nicht mehr hörte, dass die Leserinnen unbedingt - ja was sollten die eigentlich demnächst lesen? Aus der Biene-Maja-Perspektive sah ich auf dem Haar der Dame Reste grüner Farbe. Was hatte Paul heute Morgen erzählt? Welche Meerjungfrau (eigentlich sprach Paul von einer "Meerfrau", denn jung war die Lady seiner Ansicht nicht und wie eine Jungfrau verhielt sie sich schon gar nicht, empörte er sich grinsend) hatte er am Rosenmontag nächtens aufgefischt und wie lange brauchte er, um sich aus ihren Fangarmen zu befreien und ihr klar zu machen, er sei nicht Dr. Schiwago verheiratet mit Tonya und außerehelich liiert mit Lara sondern Paul M. und glücklich mit Martha und zudem Mitglied des medizinischen Notfallteams der Party?

Arielle und Dr. Schiwago - kein Traumpaar

Gut gemacht Paul! So ein Fisch gehört zurück ins Wasser und nicht in Marthas heiß geliebtes Wasserbett. Und das ist der Grund, warum ich Fasching nicht mag: Ich könnte nicht ernst bleiben, wenn ich aus eigenem Erleben wüsste, dass mein Gegenüber nachts als Arielle gebettelt hätte, Paul möge ihr die glitzernde Karnevalsschminke vom Busen lecken und jetzt von mir verlangt, eine Story über gesunde Meeresalgen und Schlammbäder zu schreiben. Und vielleicht von all ihrem nächtlichen Liebes-Geblubber gar nichts mehr weiß? Als Freie Journalistin brauche ich nämlich diesen Job und deshalb will ich meine Auftraggeberin ernst nehmen können. Und so beendete ich das Gespräch, bevor ich doch anfing, schmutzig zu grinsen, und sagte mir: Nein, nein. Sie war es nicht. Als ich ihr die Hand zum Abschied schüttelte, zögerte die Chefredakteurin einen Augenblick und fragte dann: "Sind sie gestern nicht die Biene Ma …" Ich unterbrach sie - zugegeben ziemlich unhöflich - und antwortete: "Ich - Biene Maja? Nein, da verwechseln Sie mich. Ich hasse Fasching!"