Alle sprechen vom Frühling und ich will ihn haben - aber wo ist er? Genug von tristen grauen und regnerischen Tagen. Ich will Sonne auf der Haut spüren und sehen, wie das Leben aus seinem Winterschlaf erwacht. Kalendarisch soll ja bereits Frühling sein, langsam könnte er sich auch mal zeigen.
Ich scheine telepathische Fähigkeiten zu besitzen: Gerade noch befehle ich dem Frühling, sich endlich zu zeigen - schon steht er da. Mein autoritäres Auftreten scheint die Wettergötter stark verunsichert zu haben. Pünktlich zum heutigen Weckerklingeln kitzeln zarte Sonnenstrahlen meine vom Schlaf und von der ewigen Heizungsluft verquollenen Augen. Also es geht doch, triumphiere ich und komischerweise komme ich heute ganz federleicht aus dem Bett. Sehr zum Erstaunen von Amira, meiner Siamkatze. Meinen frühmorgendlichen Energieschub nimmt sie mit einem skeptischen Blick aus ihren blauen Augen zur Kenntnis. Dann wendet sie sich ab und sucht das Weite. Doch als ich einen Blick in den Spiegel werfe, verschwindet meine gute Laune genauso schnell, wie sie gekommen ist. Was die Frühlingssonne, die sich so unverschämt in meinem Spiegel sonnt, zu Tage bringt, gefällt mir gar nicht: Weiße, trockene Haut - ich leuchte richtiggehend - und meine Beine sehen aus, als ob ich blickdichte weiße Feinstrumpfhosen tragen würde. Und wähnte ich gestern meine Wohnung noch als sauber, weist mich das helle freundliche Licht noch so ganz nebenbei auf meine offensichtlichen Putzschwächen hin: Wo kommt plötzlich all dieser Staub her? Das ist zuviel - ich lasse die Jalousien runter und gebe mich lieber wieder der trügerischen Schummrigkeit hin. Ganz nebenbei wische ich über sämtliche Oberflächen und suche verzweifelt nach Peeling und Selbstbräuner. Frisch gepellt, gecremt und zurecht gemacht wandere ich anschließend in die Küche: Doch auch hier tut sich ein wahres Bild des Schreckens auf - zumindest nachdem sich meine Augen an das gleißende Sonnenlicht gewöhnt haben. Fenster mit Putzstreifen, kleine Fettflecken, die frech an der Wand glänzen und die Bodenfliesen sehen aus, als ob sie noch niemals mit einem Putzlappen in Berührung gekommen wären. Zudem schweift mein Blick über vier leere Schokopudding-Becher und eine halbe Tüte Chips, die gestern Nachmittag noch verschlossen im Schrank stand, - stumme Zeugen eines tristen Winterabends - zumindest gefühlt winterlich. Automatisch bewegen sich meine Augen jetzt in Richtung Problemzonen, die ja eigentlich mit den ersten Sonnenstrahlen nicht mehr existent sein sollten. Auf den ersten Blick sieht alles O.K. aus, der zweite bringt jedoch zum Vorschein, was allein durch die guten Vorsätze nicht verschwunden ist: Geschätzte 2,9 Kilogramm Lebendgewicht, verteilt auf die Körpermitte - zum Glück hinten und vorne gleichermaßen. Jetzt fange ich inständig an zu beten, dass die Außentemperatur nicht auch noch sonnig warm ist und ich mich weiterhin in meiner dicken, alles verhüllenden Jacke aus dem Haus wagen darf. Kurz raus auf den Balkon: Zum Glück, es ist immer noch kalt. Ich überschlage schnell, wieviel Zeit mir bleibt, um mein Fitness- und Schönheits-Frühlingsprogramm zu absolvieren: Mit ein wenig Glück habe ich vielleicht sogar noch vier Wochen, wenn man als Vergleichsjahr nicht unbedingt das nimmt, als schon Ende März Bikini-Temperaturen herrschten. Das könnte klappen und damit ist die Zeit der Ausreden vorbei: Sport ist angesagt - außerdem gibt es ab heute nur noch gesunde und kalorienarme Nahrung. Die halbe Tüte Chips muss also dran glauben und landet im Müll. Das ist zumindest der erste Schritt, um meine Vorhaben in die Tat umzusetzen. Weiter geht es mit Sport - am besten einem, der nicht so anstrengend ist - zumindest heute, ich bin ja schon geduscht. Nordic Walking ist doch genau das richtige! Man liest ständig, dass man allein durch schnelles Gehen mächtig Kalorien abbaut und dem Herz- und Kreislaufsystem Gutes tut. Außerdem sieht man dabei auch noch gut aus und kann seine dürftige Winterschlaf-Kondition schön vertuschen - im Gegensatz zum Jogging. Gruselig die Vorstellung, keuchend und mit hochrotem Kopf durch die Gegend zu rennen. So, geplant - getan: Während ich jedoch wild entschlossen meine Outdoor-Sportausrüstung zusammensuche, wird es plötzlich dunkel in der Wohnung. Ich blicke aus dem Fenster und sehe dort, wo noch vor ein paar Minuten die Sonne lachte, dicke dunkle Wolken und die Scheiben erscheinen wie durch ein Wunder wieder lupenrein. Jetzt sollte ich mich aber beeilen, denke ich so bei mir, denn es könnte sein, dass der (Schnee)Regen der letzten Wochen wiederkehrt. Gerade als ich meine Jogginghose übergezogen habe (mit Bauch einziehen ist das noch vorzeigbar - ich liebe Kleidung aus mitdenkendem Gewebe!), höre ich ein Plätschern und ein weiterer Blick aus dem Fenster zeigt das altvertraute Bild der letzten Monate: dünne Regenwasserfäden, die einem den Blick vernebeln. Was jetzt? Ich entschließe mich abzuwarten, denn nach Wasser-Walking ist mir gar nicht. Während ich so warte, ertappe ich mich dabei, dass ich mir den Frühling erst ab morgen wünsche, dann könnte ich es mir heute noch einmal richtig gemütlich machen. Ich also rauf aufs Sofa und fange an davon zu träumen, wie Mia dann ab morgen sein wird: sportlich, dynamisch, gesund ernährt - und deshalb auch um 2,9 Kilogramm leichter - mindestens! Mit einem Lächeln im Gesicht schlummere ich ein. Ausgeruht und zufrieden wache ich auf, Amira auf dem Bauch, denn draußen regnet es immer noch. Die Jogginghose verschwindet wieder im Schrank, die Chipstüte fische ich aus dem Müll: Aber ab morgen wird alles anders - falls der Frühling kommen will!'
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