Frederik macht sich Gedanken über Menschen, die ständig den neuesten Trends folgen. Sind diese Leute einfach nur modebewusst oder haben Sie vielleicht gar keinen eigenen Geschmack?
Was würden Sie über jemanden denken, dessen Musikgeschmack sich ausschließlich nach der Hitparade richtet? Über jemanden, der ein Lied gut findet, sobald es in die Top 100 eintritt, es aber plötzlich verabscheut, wenn es die Charts wieder verlässt? So ein Verhalten mag kein Grund sein, diese Person in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen, aber man möchte mit einem solchen Menschen wohl eher nichts zu tun haben.
"Fashionista" Tanja
Warum ich Ihnen das erzähle? Wegen meiner Freundin Tanja. Ich kenne sie seit fünf Jahren, sie arbeitete damals als Aushilfe in meiner Firma, und seitdem sind wir gut befreundet. Ich mag sie wirklich gerne, aber eine ihrer Eigenschaften nervt mich ganz gewaltig. Vorsichtig könnte man es so ausdrücken: Tanja ist modebewusst. Sie bezeichnet sich selbst als "Fashion Victim", neuerdings hat sie das schreckliche Wort "Fashionista" als Selbstbezeichnung für sich entdeckt. Auf ihren Modetick angesprochen sagt sie nur: "Ich gehe halt mit der Zeit!" Ich hingegen würde sagen: Tanja hat keinen eigenen Geschmack, sondern lässt sich diesen komplett von der "Cosmopolitan" und der "Vogue" diktieren. Vor zwei Jahren trug Tanja noch ganz normale Jeans, bis sie in irgendeiner der fünf Modezeitschriften, die sie abonniert hat, eine ihrer "Stilikonen" (vielleicht war es Gwen Stefani, vielleicht aber auch Victoria Beckham) in engen Röhrenjeans sah. Ich schwöre Ihnen: Hätte man Tanja fünf Minuten vorher gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Röhrenjeans zu tragen, hätte sie einen für verrückt erklärt. Durch ein einziges Bild in einer Zeitschrift wurden für sie die besagten Hosen jedoch urplötzlich zum modischen Nonplusultra. Dieser Vorgang war und ist Tanja aber keineswegs bewusst. Durch eine bemerkenswerte autosuggestive Leistung glaubt sie wirklich, sie fände Röhrenjeans schön. Wenn Paris Hilton demnächst in Ballonseide fotografiert wird, dauert es wahrscheinlich nur zwei Tage, bis Tanja ihre skinny jeansin die Altkleidersammlung gibt und im lila Trainingsanzug zur Arbeit fährt. Zusammenfassend könnte man sagen: Wenn alle aus dem Fenster springen, hüpft Tanja auch. Sie versucht sogar, zu den ersten zu gehören, die springen. Selbst ihr Männergeschmack ist von ihrem Modetick beeinflusst. Läuft ein Mann nicht rum wie Pete Doherty oder Mika, mit engen Hosen und dünnen Schals, hat er keine Chance bei ihr. Und Männerbeine in hautengen, leggins-artigen Jeans sehen ja nun wirklich nicht schön aus.
Meine Gemeinsamkeiten mit Tanja
Während ich über Tanja und ihre Macken nachdenke, streift mein Blick über mein CD-Regal und schlagartig wird es mir bewusst: Ich bin keinen Deut besser als Tanja. Zwar interessieren mich Trends in der Mode herzlich wenig – ich bevorzuge den klassisch-zeitlosen Stil – aber was Musik angeht, richtete sich mein Geschmack schon immer danach, was gerade angesagt ist. 1995 war ich auf der Loveparade, 2000 beim Splash-Hip-Hop-Festival in Chemnitz, heute abend treffe ich mich mit Tanja auf einer Electro-Party. Hip Hop finde ich mittlerweile ganz schrecklich, und ich verdränge mit Erfolg die Tatsache, dass Jay-Z noch vor wenigen Jahren mein größtes Idol war. Heute beneide ich ihn nur noch um seine Freundin, seine Musik interessiert mich überhaupt nicht mehr. Und bei näherer Überlegung fallen mir noch andere Beispiele dafür ein, dass ich genauso ein Modeopfer bin wie Tanja: Die letzten Sommer verbrachte ich in Hamburger Beachclubs. Vor ein paar Jahren war ich dreimal die Woche auf irgendwelchen After-Work-Parties – heutzutage für mich undenkbar. Aber was soll''s - ich gehe halt mit der Zeit!
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