
Mit Weihnachtsfeiern ist das ja immer so eine Sache. Sie können durchaus Spaß bringen und sind definitiv sehr gut dazu geeignet, den Zusammenhalt unter den Kollegen eines Betriebs zu stärken. Können – müssen aber nicht…
Problematisch für Weihnachtsfeiern kann sein, wenn einer dieser Kollegen Rüdiger Kloppke heißt. Rüdiger ist 45 Jahre alt, hat eine Vorliebe für Micky-Maus-Schlipse und arbeitet – genau wie ich – in einer Webdesign-Agentur in Hamburg. Eigentlich ist er ein netter Kerl, zumindest auf der Arbeit. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit gewinne ich jedoch einen Einblick in das Privatleben des Rüdiger K., und dies ist eine Erfahrung, die man lieber vermeiden möchte. Pünktlich zur Bekanntgabe des Termins unserer Weihnachtsfeier steigert Rüdiger sich jedes Mal in etwas hinein, das er "Partylaune" nennt.
Rüdiger das Feierschwein
Das äußert sich dann so, dass er mehrmals am Tag plötzlich vor meinem Schreibtisch steht und sonderbare Dinge zu mir sagt. Zu den Highlights gehörten dieses Jahr die Sätze "Komm Frederik, bei der Weihnachtsfeier zeigen wir den anderen mal, was für Feierschweine wir sind!" und "Bei der Weihnachtsfeier beginnt der Ernst der Leber!". Erinnerungen wurden wach an die Feier letztes Jahr. Damals grub Rüdiger den ganzen Abend eine 17-jährige Mitarbeiterin des Cateringunternehmens an – überraschenderweise ohne Erfolg! Dieses Mal hatte Rüdiger jedoch eine Überraschung ganz anderer Art auf Lager. Ich stand vor Rüdigers Wohnung – mir wurde die verantwortungsvolle Aufgabe zuteil, ihn mit meinem Auto abzuholen und später dann nach der Feier heil nach Hause zu bringen – und als er mir die Tür öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Unter seinen Augen war Lidschatten, schwarz wie die Nacht. Sein Gesicht hatte er anscheinend gepudert, er wirkte noch bleicher als sonst. Am auffälligsten war jedoch sein Mund, den er mit dunkelrotem Lippenstift verunstaltet hatte.
Vampir-Rüdiger?
Erst dachte ich an einen Witz und rechnete damit, dass die anderen Kollegen gleich hinter Rüdiger hervorspringen und sich über meinen Gesichtsausdruck beömmeln würden. Doch nichts dergleichen geschah – Rüdiger sah mich mit begeisterten, schwarzumrandeten Augen an und sagte: "Sieht schick aus, nä? Aber komm doch erstmal rein, ich muss mir noch die Fingernägel lackieren." Wie in Trance folgte ich ihm durch den Flur seiner Wohnung, vorbei an seiner Sammlung von Wiking-Modellautos im Maßstab 1:87 und einem Plakat von der "Abenteuerland"-Tournee der Gruppe Pur. Im Wohnzimmer setzte Rüdiger sich aufs Sofa. Auf dem Kacheltisch vor ihm stand eine Flasche schwarzer Nagellack und eine Reihe weiterer Kosmetikutensilien. "Weißt du, Frederik, ich hab mir gedacht: Wenn wir schon mal Weihnachtsfeier haben, dann muss ich mich auch richtig rausputzen. Und sich zu schminken, so als Mann, das ist doch jetzt hip. Vor allem mit Naturkosmetik - das ist in, da stehen die ganzen Stars drauf!" Bei dem letzten Wort deutete er mit seinen Fingern Tüddelchen an. "Die schminken sich doch jetzt alle – der Beckham, der Becker... Willst du auch?" fragte Rüdiger und bot mir an, mir die Nägel zu lackieren. Ich lehnte dankend ab. Dabei habe ich gar nichts gegen Männer, die sich schminken. Bei manchen sieht es sogar richtig gut aus. Ich bin der Meinung, dass wir Männer das Schminken nicht allein den Frauen überlassen sollten. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, und es wäre doch traurig, wenn wir uns von unseren Geschlechtsteilen vorschreiben lassen würden, was wir zu tun oder zu lassen haben. Das Problem bei Rüdiger war einfach: Es sah nicht gut aus. Es sah sogar, um ehrlich zu sein, ganz schrecklich aus. Wie Marylin Manson, wenn er 60 Stunden lang nicht geschlafen hat. Doch was sollte ich in dieser Situation machen?
Schön wie Beckham
Sollte ich Rüdiger in diesem Aufzug gehen lassen und somit dem Gespött der Kollegen ausliefern? Oder sollte ich ihm ins Gesicht sagen, dass diese ganze Idee mit dem Schminken noch bescheuerter war, als diese Sache bei der Weihnachtsfeier vor zwei Jahren, als er verzweifelt versuchte, eine Polonaise zu starten, aber keiner mitmachen wollte? "Rüdiger, du bist nicht up to date", sagte ich schließlich. "Hast du nicht die neue GQ gelesen? Beckham und Becker setzen jetzt auf Understatement und schminken sich nur noch ganz dezent." - "Im Ernst?" Sein Interesse war anscheinend geweckt. Ich griff zu den Abschminktüchern und sagte: "Pass auf - lass uns mal den ganzen Müll aus deinem Gesicht entfernen und dann fangen wir noch mal von vorne an". Nach fünf Minuten sah Rüdiger wieder aus wie aus dem Ei gepellt. Diesmal übernahm ich das Schminken, jedoch wesentlich zurückhaltender. Um meiner Geschichte von Becker und Beckham Nachdruck zu verleihen, habe ich mich dann schließlich auch geschminkt. Und was soll ich sagen – wir beide sahen richtig gut aus.
Ende gut - alles gut...
Später auf der Feier, ungefähr nach dem fünften Bier, fiel mir dann auf, dass Rüdiger auffällig viel mit unserer Sekretärin Margrit redete. Ich beobachtete den guten alten Rüdiger, wie er aufblühte. Offenbar erzählte er ihr gerade von seiner Schmink-Aktion. Rüdiger gestikulierte wild, spitzte die Lippen, malte sie sich mit einem imaginären Lippenstift an und fing laut an zu lachen. Margrit amüsierte sich sehr über Rüdigers Geschichte. Ich war ein bisschen stolz auf mein Werk.'
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